Von Haifischbecken, Frauenquote und anderem Unkraut

unbenannt

Es ist wie bei allen Problemen, solange wir der Sache nicht auf den Grund gehen und das Unkraut an der Wurzel packen, wird es immer nur Scheinlösungen und unbefriedigende Halbherzigkeiten geben.

Genau das gleiche trifft aus meiner Sicht auf die Thematik des niedrigen Frauenanteils in den oberen Führungsetagen und Funktionen, in denen vielfältige Fähigkeiten und Fertigkeiten aber auch fundiertes sowie breites Wissen gefragt sind.

Neben hohen Anforderungen bezüglich Ausbildung und Wissen, müssen Menschen, die ganz oben und als exklusive Fachkraft mitwirken wollen, bereit sein, quasi ihr Leben oder zumindest ihre „besten Jahre“ dafür zu opfern. Genau da sehe ich das zugrundliegende Hauptproblem.

Die klassische Rollenteilung zwischen Frau und Mann ist noch tief in den Köpfen unserer Gesellschaft verankert, ist aber meiner Meinung nach nicht die Hauptursache für einen tiefen Frauenanteil. Der Frauenanteil lässt sich nicht mit einer Frauenquote erhöhen und auch nicht indem wir es als normal erachten, dass auch hauptsächlich der Mann die Kinderbetreuung und die Hausarbeit übernehmen kann und darf. Denn es ist egal, ob sich die Frau oder der Mann entscheidet, die Hauptbezugsperson für die Kinder zu sein, es bedeutet nach dem heutigen Stand der Dinge in beiden Fällen quasi ein Karriereaus. Noch dramatischer wäre es, wenn sich beide die Aufgaben teilen und beide in einem Teilzeitpensum arbeiten. Dann kann keiner der beiden mehr Karriere machen und sich in den obersten Etagen etablieren. Wer richtig Karriere machen will, muss bereits sein ins Haifischbecken zu springen und bei einer 100% Anstellung auch bereitwillig 200% Arbeitszeit in Kauf nehmen. 

Schon nur wenn ich das Wort Haifischbecken höre oder lese könnte ich laut schreien. Dieses sogenannte Haifischbecken ist meiner Meinung nach ein Produkt von unvollkommenen Führungs- und Fachkräften. Der Begriff ist grundsätzlich passend, denn es produziert einige Leichen und beschreibt ziemlich treffend, was für eine Stimmung oder Kultur dort drin oftmals herrscht. Ich bin überzeugt, dass Unternehmen, welche eine Haifischbeckenkultur kultivieren, zwangsläufig umdenken werden müssen. Auch bin ich überzeugt, dass sich in den Haifischbecken bei weitem nicht die Besten tummeln.

Unvollkommene Führungs- und Fachkräften zeichnen sich nach meiner Definition dadurch aus, dass sie sich selber und ihre Tätigkeit viel zu ernst nehmen, sich selber nur selten in Frage stellen, von ihrem Umfeld mehr erwarten als von sich selbst, ihre Anliegen als wichtiger erachten als jede von anderen und ihren fehlenden Selbstwert  dadurch zu vertuschen versuchen, indem sie überzogen selbstbewusst oder gar arrogant auftreten. Das hat mit Kompetenz, Persönlichkeit und Souveränität nichts zu tun, sondern ein solches Gehabe führt zu einem vergiftetem Klima und unnötigem Verschleiss von Ressourcen. Solche Exemplare gibt es nicht nur unter Führungs- und Fachkräften, nur auf dieser Ebene richten unvollkommene Persönlichkeiten den grössten Schaden an, denn bekanntlich fängt der Fisch am Kopf an zu stinken. Solche Exemplare tummeln sich gerne in Haifischbecken. Wer nicht so gestrickt ist, aber trotzdem im Haifischbecken mitschwimmt, wird entweder entscheiden, irgendwann einen neuen/eigenen Weg einzuschlagen und sich beispielsweise selbstständig machen oder ansonsten daran zerbrechen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht die Schlagzeilen einzeln erwähnen, die uns immer wieder von Kaderleuten ereilen, die ihrem Leben selber ein Ende setzen. Man kann denken, dass dies nur Einzelfälle sind und diese zu erwähnen, reine Polemik sei. Jedoch bin ich überzeugt, dass die beruflichen Umstände und eben genau diese Haifischbeckenkultur einen entscheidenden Beitrag leisten, dass zugehörige Personen effektiv gefährlich oder gefährdend leben.

Was wir brauchen sind keine Frauenquoten, um vermehrt Frauen an Schlüsselpositionen zu bringen. Was wir brauchen sind neue Arbeitsmodelle. Wir sollten komplett umdenken. Es liegt schon heute so viel Potential brach und das vor allem bei Frauen, weil sie nicht ausschliesslich für ihren Beruf leben wollen oder können und schlicht auch kein Bedürfnis verspüren, sich in ein Haifischbecken zu stürzen. Solange es nur bei einem 100% Pensum möglich ist, eine Schlüsselposition einzunehmen und dabei immer mehr als diese 100% zu arbeiten, wird sich die Frauenquote so schnell nicht erhöhen. Nicht jede Frau sollte und will sich zwischen Arbeit und Beruf entscheiden müssen. Gleiches gilt für Männer. Immer mehr Menschen erkennen, dass sie mehrere Bedürfnisse haben und es für das eigene Wohlergehen entscheidend ist, möglichst all diesen Bedürfnissen gerecht zu werden. Auch muss und soll es auf den oberen Etagen nicht wie in einem Haifischbecken zu und her gehen, denn dies ist weder für die einzelnen Personen noch für die Unternehmungen wirklich gewinnbringend. Wären in den oberen Etagen mehr Menschen, die nicht nur für ihren Beruf leben und dafür grosse Opfer in Kauf nehmen, wäre viel mehr möglich und es wäre weitaus ökonomischer, vor allem langfristig gesehen. Hier müsste man sich auch endlich fundierter überlegen, wie Führungskräfte ausgebildet werden, denn dies leistet einen entscheidenden Beitrag zur Haifischbeckenkultur. Der Fokus liegt zu stark auf Fachkompetenzen und Theorien, ein ganzheitlicher Ansatz fehlt weitgehend.

Aus meiner Sicht funktioniert Work-Life-Balance nicht, indem wir Arbeit und Privatleben strikt trennen. Wir müssen dafür sorgen, dass sich Arbeit und Privates nicht gegenseitig konkurrieren und klassische Arbeitsmodelle und Karriereverläufe über Bord werfen. Dies würde nicht nur zu einem höheren Frauenanteil in Schlüsselpositionen führen, sondern ganz allgemein dafür sorgen, dass Ressourcen effizienter genutzt und eingesetzt werden. 

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Ein Kommentar zu “Von Haifischbecken, Frauenquote und anderem Unkraut

  1. Tröstlich, dass ein Haifischbecken künstlich und eng begrenzt ist. Und richtig : die besten sind nicht hier. Sie schwimmen im weiten Meer, in der Vielfalt, im unberechenbaren.
    Es ist auch eine Frage des Blicks, welches Gewässer wir als Gesellschaft wollen.

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