Eine grundsätzlich wünschenswerte Persönlichkeitseigenschaft kann auch ihre Schattenseiten haben – Dies zeigt sich auch im Rahmen der Corona-Krise

Die sogenannten «Big Five» Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus, gehören zu den am häufigsten untersuchten Persönlichkeitsmerkmalen. Die Big Five stellen Schlüsselmerkmale dar, die als Gegenstand psychologischen Untersuchungen dazu dienen, interindividuelle Unterschiede im Erleben und Verhalten, aber auch interindividuelle Unterschiede bezüglich Gesundheit und Arbeitserfolg, zu erklären.

Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit sind beispielsweise besonders relevant bei der Risikoeinschätzung für kontraproduktives Verhalten. Bezüglich agiler Führung stehen unter anderem Offenheit für Erfahrung sowie Extraversion im Fokus. Es gibt unterschiedliche Definitionen für Extraversion (siehe Stangl, 2020). Nach Jung und Eysenck besitzen extravertierte Menschen eine nach aussen und auf andere Menschen gerichtete Wesensart. Sie sind meist sehr kontaktfreudig und anpassungsfähig. Wer im Berufsleben viel mit anderen Menschen arbeitet oder eine Führungsfunktion innehält, profitiert in der Regel von einer ausgeprägten extravertierten Persönlichkeitseigenschaft.

Wie die Forschungsergebnisse einer Corona-Studie aus Brasilien (Carvalho, Pianowski & Gonçalves, 2020) ergaben, hat Extraversion aber nicht nur und immer Vorteile. Denn Extravertierte haben meist einen höheren Bedarf an sozialer Stimulation sowie mehr Schwierigkeiten im Umgang mit sozialer Isolation. Folglich dürfte es Extravertierten auch schwerer fallen, sich im Rahmen der Corona-Krise an die Verhaltensregeln zu halten und sie werden eher und öfters gegen diese verstossen.

In der Studie von Carvalho et al. (2020) stand neben Extraversion die Persönlichkeitseigenschaft Gewissenhaftigkeit im Fokus. Eine ausgeprägte Gewissenhaftigkeit steht mit einem wünschenswerten tiefen Risiko für unternehmensschädigendes Verhalten in Verbindung. Eine besonders hoch ausgeprägte Gewissenhaftigkeit kann aber beispielsweise in einer Führungsfunktion zum Stolperstein werden, vor allem wenn die Tendenz besteht, sich im Detail zu verlieren sowie alles selbst machen zu wollen. Gemäss den Ergebnissen von Carvalho et al. (2020), halten sich hoch gewissenhafte Personen stärker an die Verhaltens- und Hygieneregeln, was im Einklang mit bisherigen Forschungsergebnissen steht. Auch hier zeigt sich, dass es kaum per se «gute» oder «schlechte» Persönlichkeitseigenschaften gibt. Je nach Situation und den damit verbundenen Umständen und je nach Ausprägung der Persönlichkeitseigenschaft, kann diese sowohl mit Vorteilen wie auch mit Nachteilen verbunden sein. Wird dieser Aspekt angemessen berücksichtigt, erweisen sich die Big Five immer wieder als hilfreiche Indikatoren und auch Prädikatoren für das Verhalten und Erleben von Menschen, sowohl im allgemein sozialen und gesellschaftlichen wie auch im spezifisch beruflichen Kontext der Mitarbeitergewinnung und -entwicklung.  

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