Was ist EMDR?

EMDR ist die Abkürzung für «Eye Movement Desensitization and Reprocessing» und bedeutet zu Deutsch «Augenbewegungs-Desensibilisierung und Neuverarbeitung». Es ist eine Behandlungsmethode, die Ende der 80er Jahre von Francine Shapiro in den USA entwickelt wurde. Ziel der EMDR-Therapie ist die Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen, unabhängig davon, ob es sich um eine akute Traumatisierung, eine posttraumatische Belastung oder eine posttraumatische Belastungsstörung handelt.

Kernstück einer Behandlung ist die bilaterale Stimulation der Augen. Dabei folgt die Klientin/der Klient mit den Augen den Fingern der Therapeutin/des Therapeuten, die/der diese schnell und rhythmisch nach links und rechts bewegt. Die Behandlung findet meist im Sitzen, alternativ auch im Stehen und in jedem Fall bei vollem Bewusstsein statt. Die Wirkungsweise von EMDR lässt sich am besten durch das Erläutern von Begriffen und Prozessen im Zusammenhang mit einem potenziell traumatisierenden Ereignis erklären.

Ein traumatisches Ereignis hat nicht immer eine PTBS zur Folge

Ein traumatisches Erlebnis (Naturkatastrophen, Krieg, Unfall, Erleben schwerer Schmerzen, schwere Krankheit, Geiselnahme, Bedrohung, Übergriffe, Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt, etc.) muss nicht zwingend eine posttraumatische Belastungsstörung (Abkürzung PTBS; Englisch PTSD) zur Folge haben, die gemäss ICD-10 eine psychische Erkrankung darstellt (ICD = Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme). Eine eigentliche PTBS tritt meist erst nach einigen Monaten auf, geht mit unterschiedlichen psychischen sowie psychosomatischen Symptomen einher und wird nicht selten erst viel später als solche diagnostiziert. Zu den typischen Symptomen einer PTBS nach ICD-10 gehören unter anderem: Vermeidung von Umständen, die der Belastung ähneln, teilweise oder vollständige Unfähigkeit sich an wichtige Aspekte des belastenden Erlebnisses zu erinnern, anhaltend erhöhte psychische Sensitivität und Erregung, Ein- und Durchschlafstörungen, erhöhte Schreckhaftigkeit, erhöhte Wachsamkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit, Wutausbrüche, sozialer Rückzug, das Gefühl betäubt und emotional abgestumpft zu sein, empfundene Gleichgültigkeit gegenüber andere sowie Stimmungsbeeinträchtigungen. Bei Kindern und Jugendlichen können weitere Symptome wie erhöhte Trennungsangst, regressives Verhalten (Daumenlutschen, Bettnässen, Zurück zur Babysprache), verzögertes Erlernen neuer Fertigkeiten, Fehlerklärungen («Es ist passiert, weil ich böse war»), destruktive Veränderungen im Sozialverhalten (z.B. aggressives oder dissoziales Verhalten) auftreten.

Die genannten Symptome können jedoch auch während und nach einem traumatischen Ereignis auftreten. Erst wenn bestimmte und mehrere Symptome auch nach sechs Monaten persistieren, sind die Kriterien einer PTBS nach ICD-10 erfüllt.

Miterleben kann auch traumatisierend sein

Ein Ereignis kann auch dann traumatisch erlebt werden, wenn es nicht die eigene Person betrifft. So kann beispielsweise auch das Miterleben eines Unfalls als Zeugin oder Zeuge als traumatisch erlebt werden und später eine PTBS zu Folge haben.  

Unterscheid zwischen Trauma, Belastung und Trauer

Reaktionen, die während oder kurz nach dem Ereignis auftreten, können auch eine überlebenssichernde und schützende Funktion haben. Sie sind ein Versuch des Organismus, eine (lebens-)bedrohliche Situation zu überstehen und stellen daher eine gesunde Reaktion dar.

Zu einem Trauma kommt es, wenn die Verarbeitung im Gehirn fehlerhaft abläuft. Das Erleben von Belastungen ist ein Hinweis dafür, dass die Informationsverarbeitung im Gehirn grundsätzlich funktioniert hat, Betroffene jedoch Zeit brauchen, um das Erlebt angemessen zu verarbeiten. Das Empfinden von Trauer ist ein natürlicher Anpassungsprozess an den Verlust.

Das Kohärenzgefühl

Durch das Erleben einer traumatischen Situation kommt es häufig zu einer Beeinträchtigung des Kohärenzgefühls (Aaron Antonovsky), welches aus drei Komponenten besteht:

  1. Verstehbarkeit: Die Welt, das Leben und auftretende Ereignisse erscheinen mir grundsätzlich fassbar, geordnet sowie verständlich oder zumindest nachvollziehbar.  
  2. Handhabbarkeit: Ich habe mein Leben grundsätzlich im Griff und ich kann mit den Herausforderungen und Aufgaben, die sich mit stellen, umgehen und diese auch bewältigen.
  3. Bedeutsamkeit bzw. Sinnhaftigkeit: Es gibt in meinem Leben Ziele, Projekte, Dinge und Lebewesen, die mir etwas bedeuten und mich in der Welt und im Leben einen Sinn erkennen lassen.  

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass durch ein traumatisches Ereignis oft die eigenen Grundüberzeugungen in Frage gestellt werden und ein Mensch in seinen Grundfesten erschüttert werden kann. Die mögliche Beeinträchtigung des Kohärenzgefühls macht verständlich, wieso wir nach einem traumatischen/einschneidenden Erlebnisses nicht selten ein Gefühl von Hilflosigkeit verspüren und den Eindruck haben, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Die Welt erscheint einem unberechenbar, feindselig, unfair, chaotisch. Daher ist es auch so wichtig, nach einem solchen Ereignis möglichst schnell wieder das Gefühl von Kontrolle und Sicherheit zurückzuerlangen.

Was bei einem traumatischen Ereignis im Gehirn passiert

Traumatische Ereignisse können das Gehirn überfordern. Kann das Gehirn ein Erlebnis nicht normal und korrekt verarbeiten, wird dieses ungeordnet und je nach dem auch lückenhaft resp. zersplittert im Gehirn abgespeichert. Dies kann wiederum zu Alpträumen aber auch Intrusionen (das Erlebte läuft wie ein Film im Hintergrund ab, Betroffene sind dabei ansprechbar) und Flashbacks (Dissoziation, Betroffene sind wieder voll in der traumatischen Szenerie drin und meist nicht mehr ansprechbar) führen.

Um es einfach zu halten, kann das Gehirn in zwei Bereiche unterteilt werden, in einen bewussten (kortikale Zentren) und einen unbewussten Teil (subkortikal Areale). Unter normalen Umständen stehen diese beiden Teile miteinander in Verbindung und arbeiten effektiv zusammen. Dabei hält das Bewusstsein die Kontrolle und entscheiden, welche Teile des Unterbewusstseins ins Bewusstsein hochgeladen und aktiv verarbeiten werden. Im Unterbewusstsein sitzt auch die Alarmzentrale, die uns beispielsweise auf Gefahren Aufmerksam macht. Ein traumatisches Ereignis kann aufgrund der Überreizung und der überfordernden Informationen zu einer Überaktivierung der Alarmzentrale (Amygdala) und zu einem Verbindungsunterbruch zwischen dem bewussten und dem unbewussten Teil des Gehirns führen. Dies geschieht zum Schutz des Gesamtsystems und zur Überlebenssicherung. Durch den Verbindungsunterbruch wird jedoch auch die Verbindung zum Sprachzentrum blockiert. Dies erklärt auch, wieso Betroffene ein traumatisches Ereignis im Nachhinein oft nicht in Worte fassen können. Tritt gleichzeitig auch ein Bewusstseinsverlust auf, ist ein Gedächtnisverlust umso wahrscheinlicher, da das bewusste Abspeichern von Informationen Zeit braucht, nämlich ca. 20 bis 120 Minuten. Dies kann die Verarbeitung eines Traumas zusätzlich erschweren.

Wiedererlangen von Kontrolle

Sowohl in Bezug auf die Wirkmechanismen im Gehirn wie auch auf das Kohärenzgefühl wird deutlich, wie zentral das Wiedererlagen von Kontrolle im Zusammenhang mit einem traumatischen Erlebnis ist. Das Widererlagen von Kontrolle ist ein zentraler Punkt in der EMDR-Methode, die versucht, die Verbindung zwischen dem bewussten und dem unbewussten Teil des Gehirns in Bezug auf das Erlebte wieder herzustellen. Ziel ist es, fragmentierte Erinnerungen zu integriere, das Erlebte bewusst zu verarbeiten und entsprechend abzuspeichern. Die Amygdala (Alarmzentrale) vergisst nicht, jedoch kann sie durch eine aktive Aufarbeitung und Integration des Geschehenen und durch die Wiederverbindung mit dem Bewusstsein, wieder «in Schach gehalten werden». EMDR kann sowohl kurze Zeit nach einem traumatischen Ereignis, wie auch später helfen, das Erlebte angemessen zu verarbeiten, um auch das Kohärenzgefühl wiedererlangen zu können.

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